Diese Nachricht ist aus dem Archiv und eventuell nicht mehr aktuell!
Pressemitteilung vom 07.09.2010
Einrichtung nimmt auch die Stärken von Autisten wahr
Zitate wie „Soziale Fähigkeiten sind für mich wie eine Fremdsprache“ (Scott) und von autistischen Kindern angefertigte Bilder zieren das Treppenhaus und den Flur. In einem der liebevoll dekorierten und hellen Räume erklingt Klaviermusik. Der autistische Klaviervirtuose Michael Christensen begrüßt die Gäste zur Eröffnung der Beedener Zweigstelle des Autismus-Therapie-Zentrums am 3. September auf seine Art, während im Hintergrund eine PowerPoint-Präsentation über seinen teils schweren Werdegang abläuft.
Die Geschäftsführerin des Autismus-Therapie-Zentrums Saar gGmbH Anne-Rose Kramatschek-Pfahler, zeigte sich erfreut über das rege Interesse und sagte, dass die Zweigstelle „ein Ort der Begegnung und Förderung“ sei und eine Versorgungslücke im Saar-Pfalz-Kreis schließe. Der „Mutterbau“ in Saarlouis könne Patienten von weiter weg nicht behandeln, so dass neue, wohnnahe Räumlichkeiten notwendig gewesen seien. Dass Interesse vorhanden war, daran bestand kein Zweifel, denn neben der Sozialministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kamen auch Landrat Clemens Lindemann, Bürgermeister Klaus Roth sowie Prof. Dr. Alexander von Gontard, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrieklinik, und Karin Krumpeter, stellvertr. Vorstand von autismus Deutschland e.V.
Die Anfänge der saarländischen Förderung von Menschen mit Autismus lägen 26 Jahre zurück, als „eine Handvoll Eltern verzweifelt auf der Suche nach Hilfe und professioneller Beratung war“, informierte die 1. Vorsitzende Annette Jurgutat. Sie hätten schließlich selbst Ideen entwickelt und 1984 alles in die Wege geleitet. „246 Klienten bestätigen uns heute, dass diese Förderung und Unterstützung immer noch gebraucht wird.“
Ministerin Kramp-Karrenbauer nannte die Eröffnung der Zweigstelle eine Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements, einer Institution, die so aus dem Saarland nicht mehr wegzudenken wäre. In Beeden seien nun eine Kontaktstelle für Eltern und Kompetenzen mit langjähriger Erfahrung gebündelt. Sie betonte auch, dass die Eröffnung nicht nur ein Tag des Jubiläums, sondern auch ein Tag des Ansporns sei. Eine Form des Ansporns sagte Landrat Lindemann zu. „Das Geld zur Unterstützung dieser Räumlichkeiten haben wir zu haben“, bekräftigte er.
Der Schwerpunkt der Arbeit sei es, Menschen mit Problemen auf ihrem Weg ins soziale Leben zu helfen und Hindernisse abzubauen. Dafür würde der Saarpfalz-Kreis die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Auch Bürgermeister Klaus Roth bot seine Unterstützung an. Er wolle den Saalbau sowie einen Konzertflügel bereitstellen. Damit soll Christensen, der in einem Aufbaustudium zur Meisterklasse Klavier studiert, die Möglichkeit erhalten, sein außergewöhnliches Talent vorzuführen. Roth erwähnte auch den Film „Rain Man“ von 1988, in dem zum ersten Mal einem breiteren Publikum Autismus näher gebracht wurde. „Da war die Elterninitiative bereits vier Jahre lang aktiv und heute kann man sehen, wohin dieses Engagement führt: in eine neue Zweigstelle, um noch mehr und noch besser aktive Hilfe anbieten zu können.“
Dass Autismus eine tatsächliche Behinderung sei, die genetisch bedingt und nicht heilbar sei, erklärte Prof. von Gontard bei seiner Begrüßung. Man könne nur die richtige Therapie anbieten, die das Leben der Patienten erleichtern würde. Hier käme nun die Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Autismus-Therapie-Zentrum zum Tragen, denn entscheidend sei die richtige und vor allem frühzeitige Diagnose. „Autismus begreift sich als ein Spektrum, da es verschiedene Formen dieser Behinderung gibt und man die betroffenen Kinder nicht in eine Schublade stecken kann.“ Stehe die richtige Diagnose, werden die Kinder in die Hände der Mitarbeiter der Zweigstelle gegeben. Von Gontard bemängelte, dass es für Autisten keine spezielle Schule gäbe. Man müsse deswegen die Kinder sehr schnell so gut in ihren sozialen Fähigkeiten ausbilden, damit sie in eine normale Schule integriert werden könnten.
Michael Christensen, der selbst durch schulische Höhen und Tiefen gegangen war, sagte vor seinem letzten Stück: „Es ist gut, dass es diese Institution gibt, die die Stärken der Autisten wahrnimmt und nicht nur die Schwächen.“
Die Einweihungsfeier gestaltete sich auch als Tag der offenen Tür, um den Gästen einen besseren Einblick in die Arbeitswelt zu geben. So werden in verschiedenen Räumen unterschiedliche Aspekte gefördert, ausgebildet und unterstützt. Im Bewegungszimmer beispielsweise, lernen die Betroffenen zusammen zu spielen und zu toben. In anderen Räumen würde die Koordination von Handlung, Raum und Zeit unterrichtet, informierte Mitarbeiterin Heike Altpeter. 29 Kinder und Jugendliche würden im Saarpfalz-Kreis betreut, im Saarland seien es insgesamt 246. Die meisten Patienten seien zwischen 11 und 14 Jahre alt, deren Therapiezeit von einem bis zu fünf Jahren dauern könne. Der Tagesablauf sehe so aus, dass die Klienten für eine Stunde oder mehr, je nach Ausprägung der Behinderung, in die Zweigstelle kämen. Anschließend würden sie dann wieder nach Hause oder in die Schule gebracht. Der größte Teil der Arbeit sei aber, zu den Autisten und deren Eltern nach Hause zu gehen sowie Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. „Wir wollen für die Bewältigung des alltäglichen Lebens der Betroffenen hilfreich sein“, so Altpeter. Damit soziale Fähigkeit keine Fremdsprache mehr bleibt, sondern zu einer Alltagssprache wird.



















